EXTRABLATT

„Vielleicht eine Sache der Konzentration"

Dominik Lewis, Torjäger von RW Walldorf, war beim 7:3-Sieg des Fußball-Verbandsligisten gegen
Usingen Mannschaftskapitän. Außerdem schoss der 32 Jahre alte Stürmer den wichtigen
Anschlusstreffer kurz vor der Halbzeit - und das Tor zur 4:3-Führung. Dirk Winter (Rüsselsheimer
Echo) sprach nach dem turbulenten Spiel mit ihm.

Herr Lewis, nach 54 Minuten lag Ihre Mannschaft mit 1:3 zurück. Haben Sie zu diesem Zeitpunkt noch an
einen Sieg geglaubt?
DOMINIK LEWIS: Ja, ich habe noch daran geglaubt. Denn alle Gegentore sind nach langen Bällen entstanden.
Das war ein einfaches Mittel von Usingen gewesen. Da wurde ja aus fast jedem langen Ball eine Torchance.
Das haben wir in der Halbzeit angesprochen. Dass wir einfach die grundlegenden Dinge machen müssen.
Denn dass wir spielerisch besser als Usingen sind, haben wir in der zweiten Halbzeit gezeigt.

Warum spielt Ihr Team so wechselhaft?
LEWIS: Eine gute Frage. Vor zehn Tagen zu Hause gegen Bornheim (1:2) war das genauso. Ich kann auch
nicht erklären, warum. Vor einer Woche bei Sandzak Frankfurt (2:0), eine Mannschaft, die wesentlich stärker
war als Usingen, haben wir ganz anders gespielt. Vielleicht ist das eine Sache der Konzentration, und man
geht gegen so einen Gegner wie heute etwas halbherzig ins Spiel.

An was genau muss noch gearbeitet werden?
LEWIS: Dass wir von der ersten Minute an so spielen, wie wir heute in der zweiten Halbzeit gespielt haben.
Eben sofort voll da zu sein.
Rechtsaußen mit Abschlussqualitäten
Portrait: Der weit gereiste Christopher Nguyen hat dem kecken Walldorfer
Aufstiegsteam gerade noch gefehlt
Von Ralph Baumann
Christopher Nguyen könnte viel erzählen aus seinem bewegten Fußballerleben, das ihn schon
zu verschiedenen Orten in Südwestdeutschland geführt hat. Von Darmstadt nach Karlsruhe, von
Karlsruhe nach Kassel, von Kassel nach Eschborn, von Eschborn zurück nach Darmstadt, von
Darmstadt nach Walldorf. Aber der 30-Jährige ist kein Erzähler, schon gar kein Angeber oder
Großsprecher.
Der angehende Lehrer lässt lieber Taten sprechen auf dem mindestens 90 x 45 m großen
Rasenrechteck. Diese Taten spielen sich vorwiegend in des Gegners Hälfte ab,
auch wenn er sich nicht zu schade ist, hinten auszuhelfen. Sein aktueller
Trainer Max Martin hat erst kürzlich in einer Partie erstaunt festgestellt,
dass Nguyen mehr als abgesprochen die Defensive beackerte und
Fabian Borger half. „Ich kann doch den Jungen nicht dauernd allein
lassen“, habe der verteidigende Stürmer verschmitzt seinem
erstaunten Coach signalisiert.
In der Offensive hat Nguyen schon fast alle Positionen bekleidet.
In der vergangenen Saison hat er bei Rot-Weiß Darmstadt als
verkappter Neuner agiert - und das mit beachtlichem Erfolg.
23 Mal hat er für den Verbandsligisten aus der Heimstätten-
siedlung in nur 25 Partien getroffen, was einem Drittel der
Tore des Tabellenzehnten entsprach. Obwohl er sich dort
„immer wohlgefühlt hat, brauchte ich nach drei Jahren mal
einen Tapetenwechsel“.
Christopher Nguyen ging von Rot-Weiß zu Rot-Weiß, von Darmstadt nach Walldorf. Mit Max Martin habe er
schon lange Kontakt gehabt, fast sei es mal zum Wechsel nach Urberach gekommen, wo der jetzige
Walldorfer Coach in den Jahren 2014 bis 2016 mit Erfolg wirkte und das Team sogar in die Hessenliga hievte.
„Seine Spielphilosophie sagt mir zu“, verrät der nur 1,71 Meter große Angreifer. Martin lässt seine
Mannschaften schnörkellos auf direktem Weg nach vorne spielen, möglichst über die Außen soll Druck
aufgebaut und in den Rücken der Abwehr gepasst werden.
Nguyen ist ein wichtiger Teil dieser Idee, denn beim Verbandsliga-Neuling fungiert er als Rechtsaußen - „im
Grunde meine ursprüngliche Position“. Er ist wuselig, trickreich, passsicher und torgefährlich, und seine
problemlose Integration ins Rot-Weiß-Spiel ist einer der Mosaiksteine dafür, dass der Aufsteiger von der
Okrifteler Straße auch in der neuen Klasse gleich wieder ganz vorne dabei ist.
Jeder arbeitet für den anderen
Mit Tabellenplatz zwei nach 16 Rundenspielen hatten auch die größten Optimisten im RW-Lager nicht
gerechnet. Nguyen hat Erklärungen: „Die Mannschaft, die ja weitestgehend zusammengeblieben ist, hat die
Aufstiegseuphorie mitgenommen, und die positive Stimmung im Team überträgt sich auf den Fußballplatz.“
Jeder arbeite für den anderen und sei bereit, einen Fehler auszubügeln, der dem Mitspieler unterlaufen ist. Und
natürlich habe der Trainer großen Anteil am neuerlichen Erfolg der Mannschaft. „Er hat für jeden Gegner einen
Plan, und wenn der nicht ganz aufgeht, dann reagiert er und stellt um.“ So geschehen am vergangenen
Sonntag, als die Rot-Weißen gegen Tabellennachbar SC Hanau zur Pause unglücklich mit 2:3 zurücklagen,
am Ende aber mit 6:3 triumphierten. Martin fordere viel von seinen Schützlingen, aber die seien auch bereit,
viel zu geben.
RW kann jeden schlagen und
Nguyen ist sich sicher: „Nach dem bislang Gezeigten stehen wir zu Recht da oben.“ Aber er möchte nicht
spekulieren, dass der Höhenflug anhält und das Team am Ende erneut um den Aufstieg mitspielt. Man könne
durchaus jeden schlagen, aber in der guten Klasse auch gegen fast jeden verlieren. RW Walldorf hat also
keinen Grund, die Füße hochzulegen und sich auf dem Erreichten auszuruhen. Der angehende
Gymnasiallehrer mit den Fächern Sport, Politik und Wirtschaft behauptet: „Das wird nicht passieren, wir
werden weiter Gas geben.“
Sieben Einsätze in der Zweiten Bundesliga
Christopher Nguyens fußballerische Laufbahn begann bei Viktoria Klein-Zimmern, doch bereits als D-
Jugendlicher wechselte er zum SV Darmstadt 98. 2008/2009 lief er als Aktiver für die Lilien in der Regionalliga
Süd auf, das damals 20-jährige Talent war auf Anhieb Stammkraft und bestritt 25 Saisonspiele. Dann zog es
ihn von den damals finanziell höchst angeschlagenen Lilien zum ähnlich klammen Karlsruher SC. Für dessen
zweite Mannschaft jagte er ebenfalls in der Regionalliga dem Leder hinterher, kam aber in der Saison 2010/11
auch zu sieben Zweitligaeinsätzen. „Dort hätte ich mir den Durchbruch als Profi zugetraut, doch beim
badischen Klub haben sie dann auf andere Leute gesetzt beziehungsweise setzen müssen“, sagt Nguyen.
Über die Stationen Hessen Kassel und 1. FC Eschborn, damals beide in der Regionalliga Süd zu Hause,
landete der flinke Stürmer zur Rückrunde 2013/14 beim Hessenligisten Rot-Weiß Darmstadt, ehe er sich noch
einmal eine Saison lang bei den inzwischen ebenfalls in die Hessenliga abgestiegenen Eschbornern versuchte.
Es folgten drei Runden bei RW Darmstadt, ehe Nguyen im Sommer 2018 zu RW Walldorf wechselte.
Der in Groß-Zimmern aufgewachsene Sportfreak (außer für Fußball begeistert er sich fürs Ski- und
Snowboardfahren, geht außerdem gerne ins Fitnessstudio und liebt das Klettern) hat in Darmstadt seinen
Lebensmittelpunkt. Nguyen hat eine deutsche Mutter und einen vietnamesischen Vater.